Erbstreitigkeiten unter Geschwistern

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Was passiert eigentlich, wenn nach dem Tod der Eltern bei der Regelung des Erbes heftige Streitigkeiten unter den Geschwistern ausbrechen?

Der Tod der Eltern ist ein Verlust, der auch im Erwachsenenalter als intensiver Einschnitt erlebt wird. Nun spätestens müssen die „Kinder“ wirklich die Verantwortung für sich selbst übernehmen und können sich bei persönlichen Themen, Fragen oder Problemen nicht mehr als „Kind“ an die Eltern wenden. Auch werden sie sich ihrer eigenen Endlichkeit stärker bewusst, sie sind die nächsten in der Ahnenreihe und vielleicht nun auch noch stärker aufeinander angewiesen.

Zunächst haben sie erst einmal den Abschied und den Verlust zu verarbeiten und der individuelle Umgang mit Trauer kann sehr unterschiedlich und widersprüchlich sein. In dieser Situation sind Geschwister oft besonders feinfühlig, dünnhäutig und verletzbar.

Der Trauerprozess ist mit vielen Erinnerungen verbunden - schönen wie schwierigen und verletzenden. Geschwister teilen - obwohl sie in derselben Familie aufgewachsen sind - oft sehr unterschiedliche Erinnerungen. Denn jedes Kind hat sein eigenes Bild auf die Familie. In Konflikten unter Geschwistern geht es sehr häufig um den Kampf um "das richtige Bild": darum, welche Wahrnehmung die "richtige" ist, vor allem bei Empfindungen wie „sich ungerecht behandelt fühlen".

Bei Erbstreitigkeiten spielt das Geld oder Materielles oft eine weniger wichtige Rolle. Eher geht es häufig um Dinge, die insbesondere auch einen ideellen Wert haben, wie zum Beispiel das Elternhaus, ein gemeinsames Wochenendhaus, Erbstücke von früheren Vorfahren, persönliche Erinnerungsstücke.

Die tieferliegenden Ursachen für die heftigen Auseinandersetzungen liegen jedoch meist im emotionalen Bereich und auf der Beziehungsebene. Wenn die Eltern sterben, können alte, nicht reflektierte und unverarbeitete Verletzungen und vorher vielleicht nicht sichtbare Konflikte wieder aktiviert werden. Alte Streit- und Verhaltensmuster flammen erneut auf - die erwachsenen Geschwister werden wieder zu "Kindheits-Geschwistern", verbunden mit der Äußerung alter Stigmatisierungen und Rollenzuschreibungen: „Du warst ja schon immer Papas Liebling!", „Schon damals haben sie dich bevorzugt behandelt!“ „Ich habe mich immer viel mehr um die Eltern gekümmert!"

Wenn es den Geschwistern nicht gelingt, im Erwachsenenalter alte Muster zu überwinden und Verletzungen aus der Kindheit zu heilen, wird spätestens beim Tod der Eltern das verletzte Kindheits-Ich (das innere Kind) aktiviert. Letztendlich ging und geht es dann weiterhin immer um das Ringen um die Liebe, Wertschätzung und Anerkennung durch die Eltern.

Weitere Gründe für Erbstreitigkeiten können durch offenkundige Ungleichbehandlungen (Lieblingskinder) sowie durch mangelnde Transparenz und Geheimnisse entstehen, wenn zum Beispiel besondere Zuwendungen der Eltern einem Geschwisterkind heimlich zugesteckt worden sind. Dadurch spalten die Eltern die Geschwister und die Saat für spätere Konflikte ist damit bereits gelegt.

Wenn persönlicher Erfolg und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben auch noch im Erwachsenalter stark im Vergleich mit den Geschwistern wahrgenommen und bewertet werden, führt dies oft ein Leben lang zu Konkurrenz, Neid und Missgunst. Besonders bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern ist die Gefahr für einen stark vergleichenden und konkurrierenden Umgang groß. Treten zwischen Schwestern später heftige Erbstreitigkeiten auf, reagiert die Umwelt darauf meist mit wenig Verständnis und Akzeptanz. Denn sowohl die Familie als auch die Gesellschaft erwartet von Schwestern, dass sie sich gut verstehen und einvernehmlich und friedlich miteinander umgehen, während Rivalität und Kämpfe zwischen Brüdern eher als normal bewertet werden. Viele Schwestern übernehmen - meist unbewusst - diese Erwartung, trauen sich oft nicht, für ihre Bedürfnisse einzutreten und merken dies erst dann, wenn sie sich im Erbfall ungerecht behandelt fühlen.

Wie mit Rivalität und mit Konflikten ums Erbe - mit diesen zum Teil heftigen Kämpfen - umgegangen wird, hängt auch mit der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur zusammen; wie stabil die Beteiligten im Leben stehen. Instabile Persönlichkeiten, die in ihrem Leben vielleicht auch viele Krisen (Scheidung, Job verloren etc.) erlebt haben und geschwächt daraus hervorgegangen sind, oder Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl fühlen sich meist eher ungerecht behandelt, benachteiligt und weniger geliebt.

Was hilft bei Erbstreitigkeiten? Wie kann man ihnen vorbeugen?

Folgende Herangehensweisen und Aktivitäten können verhärtete Haltungen öffnen, erweitern und zur Versöhnung, auch mit sich selbst, beitragen:

Eine andere Gesprächskultur entwickeln:
Sich auf „neutralem Boden“ treffen und dort für eine schöne ruhige Atmosphäre sorgen, sich in den Gesprächen aussprechen lassen und genau hinhören, wirklich interessiert und neugierig sein auf die Sichtweisen der/des anderen.

„Zwiegespräche“ führen:
Jede/r spricht jeweils 10 Minuten über ihr/sein Erleben, die anderen hören, ohne zu unterbrechen, mit einer nicht wertenden, sondern „forschenden“, neugierigen Haltung zu: "Ach so hast du das erlebt!" Gesagtes wirken lassen, nicht darüber diskutieren, die unterschiedlichen Realitäten nebeneinander stehen lassen!

Perspektivwechsel:
In die Schuhe der Geschwister schlüpfen oder die Brille der anderen aufsetzen, auch hier wieder mit der neugierigen Haltung, wie die anderen bestimmte Familienereignisse wohl erlebt haben. Es geht um unterschiedliche Wahrnehmungen bzw. Realitätsinseln, zu denen es kein "richtig" oder "falsch" gibt.

Transparenz schon im Vorwege herstellen:
"Familien- bzw. Geschwisterkonferenzen" einberufen - nicht erst, wenn es bereits brennt.

Selbstwertschätzung:
Aufbau und Stärkung des eigenen Selbstwertes und der Selbstakzeptanz. Versöhnung mit sich selbst zieht Versöhnung mit anderen nach sich.

Unterstützung von außen in Anspruch nehmen:
Beratungen, Mediationen
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